Österreicher wollen Heimat nicht Verteidigen

Sechs von zehn Frauen und fünf von zehn Männern wären nicht bereit, Österreich im Falle eines militärischen Angriffs zu verteidigen. Das ergab diese Woche eine Untersuchung der Landesverteidigungsakademie, die mit Umfragedaten des Market-Instituts (Linz) operierte und auf der Website des Verteidigungsministeriums veröffentlicht wurde. Doch was spricht eigentlich dafür, für sein Land in den Krieg zu ziehen, und was dagegen? Was sind die Gründe für diese Ablehnung? 

Jenny und Julian gehen dem auf den Grund:

Julian sagt

In der Antike und allgemein in traditionellen Gesellschaften galt und gilt es als höchste Tugend für sein Land zu sterben. Seit dem durch die Religionskriege eingeleiteten Projekt der Moderne hat sich in Europa jedoch der Gedanke durchgesetzt, dass im Frieden das höchste Gut liege und alle politischen Maßnahmen der Friedenserhaltung bzw. der Konfliktvermeidung dienen sollten. Das ist philosophiegeschichtlich durch das Trauma der Religionskriege eingeleitet worden und verstärkte sich abschließend durch die Weltkriege.

So gesehen ist das schockierende Ergebnis dieser Umfrage nur der Gipfel einer Entwicklung, die mit den europäischen Bürgerkriegen begonnen hat. Als sich die traditionellen Gesellschaften zu modernen entwickelten, ereignete sich auch eine Verschiebung im Wertekanon, in der geistigen Landschaft: Als erstrebenswert galt für das Individuum nun ‚in Ruhe und unbehelligt sein Leben führen zu können‘.

Das ist ein Markenzeichen des Liberalismus, der sich gerade auf seinem Peakpoint befindet; die Entpolitisierung der Politik, der Rückzug der Politik und des Staates aus den Angelegenheiten des Einzelnen. Darauf hat Carl Schmitt hingewiesen und der Marxist Jean-Claude Michéa nannte das kürzlich ‚liberale Logik‘.

Wir sehen also in diesen Zahlen das Ergebnis der liberalen Logik der westlichen Moderne. Wir sind wohlstands- und friedensverwahrlost. Einfacher formuliert, kennen wir das von älteren Generationen, wenn sie ätzen: „Die haben halt keinen Krieg erlebt“.

Diese liberale Entpolitisierung hat deutliche Auswirkungen. Wenn man sich nicht mehr mit seinem Land oder seinem Staat identifizieren kann, sinkt auch logischerweise die Bereitschaft, dafür in den Krieg zu ziehen. Das dürfte sich nicht zuletzt mit jüngsten sozialen Entwicklungen schneiden, wenn man den zunehmenden Vertrauensverlust in die globalen Eliten bedenkt und die demographischen Veränderungen durch die starke Zuwanderung und gescheiterte Integration.

Anmerkungen:

  1. https://www.derstandard.at/story/2000121024160/mehrheit-ist-nicht-bereit-oesterreich-zu-verteidigen?fbclid=IwAR10ydIDxWtFzeLik_H7Kmojj6aKdrxCmULGFGrl7qBBaQa0-disj5Be-YI

Jenny sagt

Etwas das man liebt, beschütz man; etwas das man liebt, verteidigt man – und das intuitiv!

Die Frage nach der Bereitschaft das eigene Land zu verteidigen, hat für mich nichts direkt mit Grenzen, Regeln oder vergangenen Ereignissen zu tun. Vielmehr geht es darum, sich selbst für erinnerungsaufgeladene Orte und geliebte Menschen einzusetzen. Die „Heimat“ und jeder Teil davon nimmt Einfluss auf die eigene Identität und kann durch nichts einfach ersetzt werden. Wird sie daher angegriffen, sollte die Bereitschaft sie zu verteidigen intuitiv gegeben sein.

Dennoch ist laut Studie nur jede Dritte Person grundsätzlich dazu bereit, Österreich bei einem militärischen Angriff mit Waffen selbst zu verteidigen. Was könnten die Beweggründe hinter diesen Antworten sein? Ablehnung von Gewalt oder einfach Angst?

 

Die Studie zeigte jedoch weiters, dass sich in derselben Situation drei von vier ÖsterreicherInnen eine militärische Unterstützung durch andere EU-Mitgliedsstaaten erwarten würden. Ist der Grund für die fehlende Bereitschaft in der Bevölkerung womöglich, eine gelernte Gewohnheit, die Erwartung Dinge von anderen erledigt zu bekommen?

Oder ist es, was wir gegenwärtig als fehlende Zivilcourage auf den Straßen sehen und erleben? Seien wir uns ehrlich: Wer kümmert sich in der Großstadt schon um den Menschen gegenüber? Der starre Blick auf’s Smartphone, der das Bild in der U-Bahn prägt, entbindet uns scheinbar von allem rund um uns herum. Für etwas einzutreten, das ‚größer‘ ist, als die eigene Person, erscheint wohl den meisten unserer Generation wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Was es auch ist, es sollte geändert werden!

Anmerkungen:

  1. https://kurier.at/politik/inland/bedrohung-klimawandel-macht-uns-mehr-angst-als-pandemie/401071262

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