Politik, Medien & Corona im Dialog

Die ersten Zeitungsberichte über die “weiteren Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus” wurden zeitgleich mit der betreffenden Pressekonferenz am 13. März 2020 veröffentlicht. Es sollte nicht die Letzte bleiben. Seither sehen wir uns jeden Tag, überall und durch alle Medienkanäle  damit konfrontiert.

Ungewöhnliche Ereignisse bedürfen ungewöhnlicher Maßnahmen. Aber wie steht es um unsere Medienlandschaft? Dürfen Zeitungen, dann wenn sie es für angebracht erachten, mit Sachlichkeit und Kritik brechen? Haben Zeitungen und Nachrichtensender nicht eine grundlegende Funktion?

Julian

&

Jenny

im Gespräch (aufgenommen am 25.04.2020)

Zurzeit werden wir regelrecht von der Coronakrise in den Medien erdrückt. Natürlich spielt die Aktualität von unterschiedlichen Thematiken hier eine wichtige Rolle. Wir kennen das von der Flüchtlingskrise, der Regierungsbildung (x2) oder auch von dem Problem an der türkischen Grenze. Oft beherrscht ein Thema sämtliche Medien – jetzt ist es Corona. Mir stellt sich aber die Frage, weshalb nicht mehrere Themen zeitgleich behandelt werden können. Wenn ich das – schon wieder – mit der Flüchtlingskrise vergleiche, dann ist auch der Virus, der ja auch eine Gefährdung ist, etwas worauf man schon vorbereitet hätte sein können. Aber nicht nur die Politik, sondern – durch die Medien – auch die Bevölkerung. Jetzt konzentrieren sich aber alle auf das Thema Corona; und wenn das einmal Geschichte ist, wird ein neues Thema gewählt (ich tippe auf die Flüchtlingskrise) und alle werden wieder überfragt und überrascht sein.

Stimmt, gebe ich dir Recht. Wir reden ständig davon, dass wir in unserem Social Media Konsum meist in einer Informationsblase leben, erleben aber gerade genau das bei unseren Tageszeitungen! Da sieht man, wie sehr die von uns als seriös betrachteten Medien auch solche Blasen erzeugen können. Das ist schon heftig.

Und was mich zusätzlich ärgert ist, dass ich zurzeit oft das Gefühl bekomme, dass durch das Lesen von Tageszeitungen oder durch das Hören von Nachrichten eigentlich meine Zeit gestohlen wird. Vor allem dann, wenn bei der 10. Pressekonferenz noch immer das Gleiche gesagt wird, wie bei der ersten.

Ja, müssen diese Pressekonferenzen wirklich jeden Tag sein? Du erinnerst dich bestimmt an die Pressekonferenz mit der Elli Köstinger zu Tourismus: Die war doch bitte komplett inhaltslos. Ich fand das sogar faszinierend, wie lange man reden kann, ohne wirklich etwas gesagt zu haben.

Glaubst du aber nicht, dass wenn nichts gesagt wird, das dann genauso kritisiert wird? Schließlich interessieren sich, im Beispiel von der Köstinger, viele Personen für den Tourismus. 

Ja, aber es würde auch gehen, wenn die Minister sagen würden, dass es halt noch nichts Neues gibt – also einfach ehrlich sein. Und nicht so ein Spektakel machen. Das ist das Spektakel von der Politik auf der einen Seite (ich sag’ nur: Widerruf des Gesundheitsministeriums). Das ist aber auch Inszenierung von den Medien auf der anderen Seite. Die machen da ja mit, die transportieren das ja. Und da sieht man, wie sehr Medien in unserer Zeit unsere Aufmerksamkeit lenken können. Ich sag nur: Informationsgesellschaft. Die großen Medienhäuser entscheiden, was du von der Welt erfährst – und was nicht. Indem sie bestimmte Sachen bringen oder eben nicht. Und jetzt ist eben jede Seite der Tageszeitungen voll mit Corona. Als gäbe es nichts anderes mehr. Aber es gibt halt noch immer die Flüchtlinge an der griechischen Grenze, wie du gesagt hast – was, wenn da der Virus ausbricht? Das wird spannend. Aber mehr kommt nicht gerade. Ja, ok, ab und zu bringen ‘s auch den Trump und seine Aussagen. Und Schweden…

… und wie toll wir im Gegensatz zu anderen Ländern sind. 

Das zum Beispiel sehe ich als Teil dieser Messagecontroll von Kurz. Die Frage ist, was stimmt da nun und was nicht? Es heißt, dass wir im internationalen Vergleich so gut dastehen, also was die Neuansteckungen und Intensivpatienten betrifft. Aber da muss man in Rechnung stellen, dass das auf Kosten der Grund- und Freiheitsrechte geht – die Coronagesetze werden eh noch Thema von parlamentarischen Verfassungsausschüssen sein. Das ist Verfassungsmaterie.

Mir ist schon klar, dass Medien immer beeinflussen können, mit welchen Themen wir uns beschäftigen bzw. zu Hause dann diskutieren – ist ja auch irgendwo ihre Aufgabe. Was ich aber zu diesem Thema echt interessant gefunden habe, war die „Elefantenrunde der Chefredakteure österreichischer Tageszeitungen“ am Anfang der Krise. Die Kernaussage aller Diskussionsteilnehmer war, dass die Journalisten die Aufgabe haben, die Regierung in der Bekämpfung von diesem Coronavirus zu unterstützen und gleichzeitig vermeiden sollen Ängste in der Bevölkerung zu schüren. Bedeutet für mich allerdings auch, dass sie es durchaus als ihre Aufgabe sehen die Bevölkerung bewusst zu beeinflussen – natürlich nur “in die richtige Richtung”.

Sie haben ja auch Empfehlungen der Regierung so gebracht, als wären das jetzt neue Gesetze. Und das haben die in dieser Elefantenrunde sogar zugegeben.

Ich muss zugeben, in diesem Moment ist es mir auch “richtig” vorgekommen.

Das kann man aber nach den ersten Tagen nicht mehr behaupten – für die war das nicht mehr neu. Sie haben aber trotzdem weiterhin verschärft, eigentlich unsachlich berichtet. Ich sag’ nur: Ostererlass. Der war ja so missverständlich, weil die Medien die Maßnahmen davor so überzogen dargestellt haben. In Wirklichkeit war der Ostererlass eine Verschärfung – nur hat das natürlich keiner verstanden, weil alle dachten, sich zu treffen sei eh verboten. War es aber nicht. Richtig mies fand ich dann nur, dass die Medien dann nicht einmal versucht haben, das zu klären – schließlich waren sie ja am Missverständnis schuld! Da hat Sachlichkeit und Ausgewogenheit gefehlt.

Ja, und wenn man dieses Verhalten aufgrund der Krise O.K. findet – was bedeutet das dann auf andere Situationen übertragen?

Du sprichst was Interessantes an: Wohin soll das führen, zu Ende gedacht? Behalten sie das dann nach der Krise bei, dass, wenn sie glauben, dass eine ‘Ausnahmesituation’ herrscht, kritische Berichterstattung beziehungsweise Sachlichkeit auf einmal nicht mehr angemessen ist?

Ich finde es gab bereits öfters Ausnahmesituationen – Beispiel: Regierungsauflösung oder Flüchtlingskrise. Hätten die Redakteure damals behauptet, ihren Auftrag in der richtigen Beeinflussung zu sehen, wäre das dann auch ok gewesen? Ich würde doch in Krisenzeiten nicht meine Grundeinstellung ändern.

Quasi die Sachlichkeit von heut’ auf morgen über Bord werfen! Und genau das geschah ziemlich schnell – das ist, glaube ich, das Erschreckende daran.

Ja, und wie stark auch wir davon beeinflusst werden, merk ich einfach daran, dass wir eigentlich nicht über die Coronakrise diskutieren wollten und erst recht wieder bei dem Thema gelandet sind.

 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Isiii

    Sehr gute und ansprechende Diskussion. Beim lesen fühlte ich mich so als ob ich bei eurer Diskussion dabei gewesen wäre :D. Übrigens sehe ich das genau so wie ihr!

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